Was Vorbildfunktion bedeutet, hat sich kürzlich wieder deutlich gezeigt: Ich habe mit einer neuen Kundin das Ergebnis ihrer DNLA-Potenzialanalyse besprochen. Bei den Faktoren „Leistungsdrang“ und „Einsatzfreude“ sind wir sehr schnell bei einer zentralen Frage gelandet:
Wie wirke ich eigentlich als Vorbild?
Sie beschreibt, dass ihre eigene Stimmung und Energie in den Wintermonaten deutlich gedämpfter ist. Sie fühlt sich antriebslos, tut sich schwer, Dinge voranzutreiben, aktiv zu führen und das Unternehmen mit Klarheit zu steuern. Und genau hier wurde es spannend: Dieses Verhalten bleibt nicht ohne Wirkung.
Denn als Chef:in sendest Du immer Signale – ob Du willst oder nicht. Dein Team beobachtet Dich. Deine Energie, Deine Klarheit, Dein Umgang mit Verantwortung. Und daraus entsteht Orientierung.
Du kannst es drehen, wie Du willst: Ob Du gestaltest oder laufen lässt – Dein Verhalten wirkt. Und Dein Team reagiert darauf. Und genau hier liegt der Punkt, über den wir viel zu selten sprechen: Dein Team ist kein Zufall. Es ist oft ein Spiegel.
Was Vorbildfunktion im Alltag wirklich bedeutet – und was nicht – schauen wir uns jetzt genauer an.
Warum Deine Mitarbeiter nicht hören, was Du sagst – sondern sehen, was Du tust
Gerade in kleinen Unternehmen entsteht Führung nicht durch Leitbilder oder große Worte. Sie entsteht im Alltag, in kleinen Momenten und in dem, was Du tust – und manchmal noch mehr in dem, was Du nicht tust.
Dein Team erlebt Dich jeden Tag:
- Wie Du mit Stress umgehst.
- Wie verbindlich Du bist.
- Wie Du Entscheidungen triffst.
- Wie sehr Du hinter Deinen Mitarbeitenden stehst und ihnen den Rücken freihältst.
- Wie aktiv Du Probleme strukturell löst, statt sie auszusitzen.
- Wie Du mit Fehlern umgehst – mit Deinen eigenen und mit denen anderer.
Und genau daraus entsteht Orientierung.
Viele Chefinnen und Chefs glauben, sie müssten Dinge nur oft genug sagen:
- „Seid pünktlich.“
- „Übernehmt Verantwortung.“
- „Wir müssen strukturierter arbeiten.“
Aber Worte allein verändern keine Kultur. Verhalten schon.
Wenn Du selbst ständig zwischen Terminen hetzt, wird Hektik normal. Wenn Du Konflikte vermeidest, wird Schweigen zur Strategie. Wenn Du Regeln flexibel auslegst, werden sie für alle flexibel.
Nicht, weil Dein Team Dich kopieren will.
Sondern weil Menschen sich immer an dem orientieren, was sie erleben – nicht an dem, was aufgeschrieben oder angesagt wird.
Und genau deshalb hat Vorbildfunktion in kleinen Unternehmen so eine enorme Wirkung:
Du bist nicht nur Teil der Kultur. Du prägst sie.
Was Vorbildfunktion IST
Wenn wir über Vorbildfunktion sprechen, denken viele sofort an große Worte oder perfekte Führungspersönlichkeiten. Dabei ist Vorbild sein im Alltag viel unspektakulärer – und gleichzeitig viel wirkungsvoller.
Vorbild sein bedeutet nicht, alles richtig zu machen. Es bedeutet, sichtbar zu machen, wofür Du stehst.
Gerade an scheinbar selbstverständlichen Dingen wird das deutlich:
- Wie häufig machst Du selbst Pausen?
- Wie oft hast Du Dein Smartphone in der Hand und beantwortest private WhatsApp-Nachrichten?
- Wie gehst Du mit Deiner Kundschaft um – und wie sprichst Du über sie?
- Wie wichtig ist Dir selbst Pünktlichkeit?
Vorbildfunktion zeigt sich vor allem in kleinen, wiederkehrenden Dingen.
In Deiner Verbindlichkeit.
Hältst Du ein, was Du zusagst? Oder verschieben sich Deine eigenen Termine schneller als die der anderen?
In Deinem Umgang mit Verantwortung.
Übernimmst Du Verantwortung für Entscheidungen – oder erklärst Du sie weg, wenn es unbequem wird?
In Deinem Umgang mit Fehlern.
Darf man bei Dir offen sagen, dass etwas schiefgelaufen ist? Und kannst Du das auch bei Dir selbst?
In Deiner Klarheit.
Sagst Du, was Du meinst – freundlich, aber deutlich? Oder hoffst Du, dass sich Dinge irgendwie von allein klären?
In Deinen Grenzen.
Arbeitest Du dauerhaft über Deine eigenen Grenzen hinweg, lernt Dein Team: So funktioniert es hier.
Vorbild sein heißt vor allem: konsistent sein. Nicht perfekt. Nicht unfehlbar. Sondern verlässlich in Haltung und Verhalten.
Denn Dein Team orientiert sich weniger an Deinen besten Tagen – sondern an dem, was Du regelmäßig vorlebst.
Was Vorbildfunktion NICHT ist
An dieser Stelle ist mir etwas ganz wichtig:
Vorbild sein heißt nicht, dass Du eine bestimmte Rolle erfüllen musst.
Viele Selbstständige setzen sich hier selbst unnötig unter Druck – weil sie ein völlig falsches Bild von Führung im Kopf haben.
Vorbild sein heißt nämlich NICHT:
- Perfekt zu sein.
- Alles im Griff zu haben.
- Keine Fehler zu machen.
Es heißt auch nicht, alles selbst machen zu müssen oder in jedem Bereich Deines Betriebs die größte Expertin oder der größte Experte zu sein.
Du musst nicht immer stark sein. Du darfst zweifeln. Du darfst unsicher sein. Du darfst lernen. Und Du musst auch nicht für alle im Team die beste Freundin, „Mama“ oder der Kumpel sein.
Führung braucht Nähe – aber auch Klarheit.
Vor allem heißt Vorbild sein nicht, Dich für den Betrieb und alle anderen aufopfern zu müssen, damit alle ein gutes Leben haben.
Selbstaufgabe ist keine Führungsqualität.
Worum es stattdessen geht:
- Dass Du Dir Deiner Wirkung bewusst bist.
- Dass Du ein Gespür dafür entwickelst, wie Dein Verhalten auf andere wirkt – im Positiven wie im Negativen.
- Vorbildliche Führung entsteht nicht durch Perfektion, sondern durch Reflexion. Dadurch, dass Du hinschaust. Nachjustierst. Ehrlich mit Dir selbst bist.
- Und vor allem dadurch, dass das, was Du sagst, mit dem übereinstimmt, was Du lebst.
Dein Team ist kein Zufall. Es ist oft ein Spiegel
Viele Führungskräfte glauben, sie seien automatisch Vorbild, wenn sie sich besonders anstrengen.
- „Ich arbeite am meisten, also bin ich Vorbild.“
- „Ich bin nett, also bin ich eine gute Chefin.“
- „Ich darf keine Schwäche zeigen.“
Doch Vorbildfunktion entsteht nicht durch Anstrengung oder gute Absichten – sondern durch Wirkung.
Gerade im Alltag zeigt sich das besonders deutlich.
Wenn Du als Chef:in emotional überschießt, hat das Konsequenzen. Cholerische Ausbrüche, Mitarbeitende vor anderen bloßstellen, Frust ungefiltert rauslassen – all das wirkt. Immer.
Nicht, weil Du ein schlechter Mensch bist. Sondern weil Du in Deiner Rolle beobachtet wirst.
Und ja, natürlich ist es menschlich, gefrustet zu sein oder schlechte Tage zu haben. Aber im Unternehmen handelst Du nicht nur als Privatperson. Du führst. Immer.
Dein Verhalten setzt den Rahmen dafür, was „normal“ ist. Wenn Du aus der Rolle fällst, lernen andere:
Hier darf man auch aus der Rolle fallen.
Und manchmal zeigt sich Vorbildfunktion nicht in großen Momenten, sondern in ganz praktischen Situationen. Zum Beispiel bei Veränderungen.
Stell Dir vor, Du führst eine neue Software zur Kundenbindung ein. Ein Teil Deines Teams wehrt sich: zu kompliziert, zu neu, zu viel Aufwand.
Jetzt entscheidet Deine Reaktion.
Sagst Du: „Ganz ehrlich, ich finde das System auch furchtbar. Viel zu kompliziert. Wir bleiben beim Alten.“
Dann gibst Du Deinem Team die perfekte Vorlage, sich weiterhin gegen die Veränderung zu stellen.
Oder Du sagst:
„Ganz ehrlich, für mich ist das auch neu. Ich tue mich selbst noch schwer damit. Aber die Zeiten ändern sich – und wir ändern uns mit. Lasst uns gemeinsam einen Weg finden, der für uns funktioniert.“
Gleiche Situation. Komplett unterschiedliche Wirkung.
Genau hier entsteht Vorbildfunktion: im Alltag, in Deiner Haltung und in vielen kleinen Nuancen, die nur auf den zweiten Blick wahrnehmbar sind..
Denn Dein Team spiegelt nicht Deine perfekten Momente. Es spiegelt das, was Du regelmäßig vorlebst.
Oft sind es keine großen Gesten, sondern kleine, wiederkehrende Muster, die sich im Team festsetzen.
- Deine Art, mit Druck umzugehen.
- Dein Umgang mit Konflikten.
- Dein Maß an Klarheit oder Unklarheit.
Und genau daraus entsteht Dynamik im Team, denn
- eine hektische Chefin erzeugt ein hektisches Umfeld,
- konfliktscheu zu sein, führt zu unausgesprochenen Spannungen,
- und Klarheit schafft Ruhe und Orientierung.
Nicht über Nacht. Sondern schleichend, im Alltag und durch Wiederholung.
Deshalb lohnt sich der Blick in den Spiegel so sehr:
Nicht, um Dich zu verurteilen. Sondern um zu verstehen, wie viel Wirkung Du jeden Tag hast.
(D)ein Blick in den Spiegel
Zum Glück bedeutet Vorbild sein nicht, alles perfekt zu machen. Aber es bedeutet, immer wieder bewusst hinzuschauen.
Vielleicht helfen Dir dabei ein paar Fragen, die Du Dir von Zeit zu Zeit stellen kannst – und manchmal hilft es, diese Fragen nicht alleine zu beantworten:
Ganz grundsätzlich:
- Was wäre morgen anders, wenn ich bewusst Vorbild wäre?
- Würde ich mich selbst gern als Chef:in haben?
- Lebe ich das vor, was ich einfordere?
- Was übernimmt mein Team gerade von mir – bewusst oder unbewusst?
Vor einem Mitarbeitergespräch:
Gelingt es mir, mein Gegenüber als Mensch so anzunehmen, wie er oder sie ist – oder möchte ich ihn oder sie eigentlich verändern?
Nach einem Gespräch oder Feedback:
War die Art und Weise, wie ich gerade gesprochen habe, genau die, die ich mir selbst von einer Führungskraft wünschen würde?
Wenn Dir selbst ein Fehler passiert:
Stehe ich offen dazu – oder versuche ich, ihn zu relativieren oder jemand anderem zuzuschieben?
Am Ende eines Arbeitstags:
Habe ich heute das vorgelebt, was ich mir auch von meinem Team wünsche?
Vorbild sein beginnt nicht mit großen Vorsätzen. Sondern mit kleinen Momenten der Ehrlichkeit Dir selbst gegenüber.
Denn Dein Team hört vielleicht nicht immer, was Du sagst. Aber es sieht jeden Tag, was Du tust.

Wenn Du Dir bei solchen Themen eine ehrliche Sparringspartnerin wünschst, die mit Dir reflektiert, ohne zu belehren, dann melde Dich gern bei mir.
Manchmal reicht ein Gespräch, um wieder klarer zu sehen.








